Weihnachtsansprache des Präsidenten des Rates der Deutschprachigen
Gemeinschaft, Herrn Manfred Schunck, am 25. Dezember 1997
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger!
Stille Nacht, heilige Nacht!
Wieso eigentlich gehen diese Worte vielen von uns so
unter die Haut?
Warum schafft weihnachtliche Athmosphäre diese
Wärme?
Wieso haben andere Mitmenschen absolut kein Gefühl
für Weihnachten, ja verspotten das Fest als reine
Geschäftemacherei und als bequeme Fassade?
Ich meine, die Einen empfinden intuitiv eine innere
Bereicherung oder zumindest eine Lebensdimension,
eine Harmonie, die ihnen sonst fehlt.
Die Anderen sehen die harte und unbarmherzige
Wirklichkeit unserer Welt.
Als Präsident des Rates der Deutschsprachigen
Gemeinschaft Belgiens - und als Politiker - ist es nicht
meine Aufgabe, die religiöse Botschaft des
Weihnachtsfestes zu kommentieren.
Wohl aber halte ich es für sinnvoll, gemeinsam mit
Ihnen, über die Werte der "Stille" und die Lehren der
"Nacht" nachzudenken.
Hören wir den Obdachlosen auf der Straße, als er den
Trubel im Geschäftsviertel beobachtet, wenn er sagt:
"Wo laufen die alle hin, mit ihren bedrückten
Gesichtern! Wovor haben die Angst?
Sie scheinen ständig auf der Flucht oder aber auf der
Suche zu sein! Wer ist da eigentlich obdachlos?
Die oder ich???"
Eine harte Frage für uns, die wir immer "nützlich"
denken und handeln wollen, für uns, die wir per Gesetz
alle Notstände der Welt beseitigen möchten.
Eine harte Frage für uns, deren Erfolge oder
Mißerfolge sich an Effizienz und Macht, an
Produktivität und materiellem Wohlstand messen.
Wer ist hier eigentlich obdachlos?
Das Kind in der Krippe oder wir, die wir alles haben?
Wir, die immer im Rampenlicht stehen oder jene, die
lautlos im verborgenen wirken.
Wer legt denn die Werteskala unseres Lebens fest?
Die Gesellschaft oder ich selbst?
Nur in der Stille können wir die Antworten auf diese
Fragen finden.
Doch stillhalten ist unheimlich schwer.
Den Wert der Stille zu entdecken könnte uns helfen
die Krise unserer Zeit zu erfassen, denn die Welt
krankt, weil der einzelne Mensch krank ist.
Und sie krankt auch, weil wir die Werte der Nacht nicht
mehr erkennen.
Die Nacht verbirgt, was uns ablenkt.
Sie hilft uns den Himmel und die Sterne zu sehen, den
Weitblick zu heben.
Die Nacht läßt uns träumen.
Sie hilft uns nach innen zu hören.
Die Nacht macht uns frei von allen Fassaden, von der
Last und der Verlogenheit des Alltags.
Die Nacht macht uns aber auch bange.
Haben wir Angst vor uns selbst?
Vor der Wüste in unserer Seele?
Vor der eigenen Freiheit und den eigenen Träumen?
Lassen wir uns lieber von oben diktieren, was wir zu
denken, zu sagen und zu tun haben?
Oder sind wir bereit unseren eigenen Wert zu
entdecken und dazu zu stehen, und auch den Wert
des Anderen zu achten?
Sind wir bereit für unsere Würde zu kämpfen, uns mit
dem Wesentlichen zu befassen und unsere Energien
zum Wohle unserer Mitmenschen einzusetzen?
Experimente der Stille - wie etwa die Stillestunden - in
manchen Kindergärten und Schulen oder Erfahrungen
von Nachtmärschen in Jugendgruppen und
Wanderungen in unserer weiten Natur sind für mich
Signale und Hoffnungsträger für die
Harmonie in unserer Gesellschaft,
Harmonie des Menschen mit sichselbst,
Harmonie des Einzelnen mit den Anderen.
Das klangvolle Zusammenspiel von Musikern und
Instrumenten läßt uns - gerade jetzt in der
Weihnachtszeit - vorahnen, wie schön und wie gut
unsere Welt sein könnte, wenn Harmonie und
Eintracht vorherrschen würden.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, liebe
Mitbürgerinnen und Mitbürger, noch stille und
besinnliche Weihnachtstage!
Manfred Schunck
Präsident des Rates der
Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens
Sekretariat des Präsidenten
E-Mail: mailto:haraloup@euregio.net