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Neujahrsansprache 1999 des Präsidenten des Rates der Deutschprachigen Gemeinschaft, Herrn Manfred Schunck.
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
ich komme Ihnen zu diesem Jahreswechsel mit einem Gedicht. Und wie es bei Gedichten kaum anders sein kann, ist es von Goethe.
Auch das ist Kunst, ist Gottes Gabe,
aus ein paar sonnenhellen Tagen
sich soviel Licht ins Herz zu tragen,
daß, wenn der Sommer längst verweht,
das Leuchten immer noch besteht.
Das schrieb Johann Wolfgang von Goethe vor etwa 200 Jahren.
Was sollen wir heute damit?
Heute, am Ende dieses Jahres, am Vorabend der Jahrtausendwende, sagen diese Zeilen uns vielleicht, daß wir das, was die sonnenhellen Tage ausmacht, das, was sich wirklich lohnt, ins nächste Jahr mitnehmen sollen.
Wie immer am Jahresende werden uns von allen Seiten Bilanzen angeboten: Zahlen und Fakten über Katastrophen, Erfolge, Enttäuschungen, über Wirtschaftswachstum und soziale Ausgrenzung, technologische Leistungen und Neue Armut.
Und das Wesentliche wird kaum erwähnt!
Wir geben vor, es gehe uns besser, oder wir klagen, es werde immer schlechter. Aber in Wirklichkeit wagen wir kaum hinter die Fassade zu schauen und die wesentliche Frage zu stellen:
Warum machen wir das eigentlich alles? Was gibt das für einen Sinn?
Leben wir nicht dauernd - von Jahr zu Jahr - von der Hoffnung der Erneuerung, ohne zu merken, daß wir uns im Kreis drehen?
Was ist denn nun Goethes Leuchten der Sonne, das wir mitnehmen sollten ins neue Jahr?
Ich denke es ist
- das Vertrauen in uns selbst
- die Selbstachtung
- Respekt und Vertrauen dem anderen gegenüber
- Die Suche nach Wahrheit
Sie sind die Schlüssel der Zukunft einer besseren Welt.
Wie sagt der alte Goethe:
"aus ein paar sonnenhellen Tagen
sich soviel Licht ins Herz zu tragen"
Wir alle haben ein paar sonnenhelle Tage, sei es etwas außergewöhnliches geschafft zu haben, sei es, einfach nur mal zufrieden gewesen zu sein mit Gott und der Welt, einen alten Streit bereinigt zu haben, zu merken, daß man den Partner noch so liebt, wie am ersten Tag.
Lassen wir das doch mal an uns 'ran kommen; oder wie Goethe in seiner Sprache vor 200 Jahren sagt "Licht ins Herz tragen". Lassen sie uns aus diesem guten Gefühl Kraft fürs nächste Jahr schöpfen.
Und weiter bei Goethe:
"daß, wenn der Sommer längst verweht,
das Leuchten immer noch besteht."
Also, nehmen wir das gute Gefühl doch mit - gerade dann, wenn es auch nicht einfacher, nicht bequemer wird in der nächsten Zeit.
Ich bin optimistisch!
Wenn der Glaube an ewiges Wachstum widerlegt ist und die Paläste des Konsums zerfallen sind, dann gehen wir gemeinsam den Weg in ein Jahrtausend der Menschlichkeit.
Dies wünsche ich Ihnen und uns allen von Herzen.
Manfred Schunck
Präsident des Rates der
Deutschsprachigen Gemeinschaft
Sekretariat des Präsidenten
E-Mail: mailto:haraloup@euregio.net
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