Neujahrsansprache des Präsidenten des Rates der Deutschprachigen
Gemeinschaft, Herrn Manfred Schunck, am 01. Januar 1998
Werte Mitbürgerinnen und Mitbürger,
Vor kurzem - im Monat November - war ich mit
einer internationalen Hilfsorganisation in Bosnien.
Mir wurde sehr schnell bewußt, wie schwer es ist,
auch nur das kleinste Stückchen Aufbauarbeit zu
leisten.
Mehr noch als die Ruinen und Minenfelder im
ganzen Land, haben mich die Angst und
Mutlosigkeit einer von Haß und Mißtrauen
bestimmten Bevölkerung beeindruckt.
Menschen, die vor 6-7 Jahren noch friedlich
zusammenlebten, haben sich in einen grausamen
Krieg hineinsteigern lassen.
Heute, nach einem mühevoll erzwungenen
Friedensvertrag, stehen viele vor dem Nichts, und
den unzähligen internationalen Hilfsorganisationen
vor Ort gelingt es nur schwer, die zivile
Gesellschaft in eine harmonische und gerechte
Demokratie zu begleiten.
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
Sie werden sagen: "Das ist schrecklich, aber
glücklicherweise ist das bei uns zu Hause anders."
Sicherlich, Krieg und Wiederaufbauarbeit liegen
weit hinter uns.
Viele kennen das nur vom Hörensagen.
Und dennoch, Zerstörung gibt es auch hier!
Mehr als wir wahrhaben wollen.
Die Existenz vieler unserer Mitbürger liegt durch
wirtschaftliche Einflüsse zu Boden.
Viele Familien sind zerrissen.
Die Jugend ist entmutigt durch eine oft
aussichtslose Arbeitsuche.
Alte Menschen sind einsam. Andere ständig auf der
Flucht vor sichselbst.
In vielen Städten herrschen Furcht und Unsicherheit.
Nein, wir haben keinen Krieg mehr gekannt.
Dafür aber schleicht sich lautlos und unauffällig eine
heimtückische Revolution in unsere Gesellschaft.
Statt miteinander die Zukunft zu gestalten
überwiegt das Gegeneinander.
"Jeder für sich" ist wieder Mode.
Achtung und Respekt vor dem Anderen haben einen
schweren Stand; sowohl in der Wirtschaft, wie in
der Politik oder im Privatleben.
Mir bangt vor einer Umkehrung der Werte.
Für viele der wichtigen Zukunftsfragen haben wir
keine Antworten... oder wir tun so, als hätten wir
alle Antworten parat.
Demokratische Grundsatzdebatten werden kaum
geführt oder aber, verlaufen im Sande.
"Selbst denken" und "eigenverantwortlich handeln"
verkümmern.
Ich habe Angst vor den Folgen der wieder
aufflammenden Identitätsbekundungen und der
immer deutlicher werdenden sprachlich - kulturellen
Abgrenzungen in unserem Land.
Werden die politischen Forderungen nach mehr und
mehr Macht in der eigenen Region und die
manchmal rassistisch anmutenden Bestrebungen
eingedämmt werden können?
Oder brauchen wir demnächst Hilfsorganisationen,
um unser Land zur Vernunft zu bringen?
Ich hoffe nicht!
Doch seien wir wachsam!
Gehen wir mit Vernunft und Weitsicht ins Neue
Jahr.
Nicht die Angst möge uns leiten, sondern der Mut.
Nicht Machtansprüche mögen uns inspirieren,
sondern Selbstvertrauen.
Nicht Mißtrauen und Furcht mögen uns auf unserem
Weg begleiten, sondern Achtung und Respekt.
Werte unserer Heimat, wie der Sinn für
Gerechtigkeit, das Gefühl der
Zusammengehörigkeit und das Streben nach dem
"Mehr sein, statt mehr haben" sollen für das
kommende Jahr 1998 unsere Wegbegleiter sein.
Die Devise unseres Landes "L'union fait la force -eenheid
maakt sterk - EINIGKEIT MACHT
STARK" muß nicht nur aufgefrischt, sondern auch
mit neuen Inhalten gefüllt werden.
1998 ist ein besonderes Jahr:
1998 ist das Gedenkjahr zu 50 Jahren
"Menschenrechte"
1998 ist das Jubiläumsjahr der Deutschsprachigen
Gemeinschaft
Möge es uns gelingen, das Miteinander in unserer
Gemeinschaft, in Belgien, Europa und der Welt in
diesem Sinne neu zu gestalten und zu beleben.
Dies wünsche ich uns allen für das Neue Jahr 1998!
Manfred Schunck
Präsident des Rates der
Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens
Sekretariat des Präsidenten
E-Mail: mailto:haraloup@euregio.net