Freddy Derwahl hat für den BRF während drei Tagen die Debatte im RDG beobachtet und dabei ein besonderes Augenmerk auf den sozialistischen Medienminister geworfen. Hier sein Portät am Tag danach:
Minister Lambertz war während seiner Rede ins Schwitzen geraten. Wieder zurück auf die Regierungsbank entledigte er sich seines Jackets und während das Beifallklopfen der Mehrheit verstummte, hatte der Rat endlich das, wonach alle Parteien nur lechzen können: eine seltene Übereinstimmung von Vision und Realität.
Da sass der schwergewichtige Minister wie ein erschöpfter Boxer, über seine Bauchmuskulatur spannten sich die Hosenträger, Krawatte und Kragen waren zur Erleichterung geöffnet und wie in der Sommerfrische trug er ein blassgrünes Hemd mit kurzen Ärmeln.
Inmitten der biederen Wohlanständigkeit konventioneller Ratsmode wirkte dieses Bild wie ein Faust aufs Auge. Fast musste man befürchten, die auch in diesem Hohen Hause geltende Vorschriften des Denkmal- und Landschaftschutzes gerieten ins Wanken, aber der nach Luft ringende Minister, dem man in dieser Montur durchaus ein Angebot für Big-Mac-Werbung zugetraut hätte, bewahrte die Fassung.
Mochte sich auch Kollege Maraite erschrocken in seine Akten vertiefen und ein Vertreter der schreibenden Presse mit den Lachtränen ringen, Lambertz nahm wieder seine während drei langen Nächten streng geübte parlementarische Haltung ein: vornüber gebeugter Kopf, griffbereiter Kugelschreiber, bisweilen ein sarkastischer Zwischenruf.
Diese Szene des nicht aus der Ruhe zu bringenden Hosenträgerministers ist nicht nur eine Momentaufnahme, sondern birgt hohe politische Symbolkraft.
Lambertz kann sich solche die Schöngeister erschreckenden und das feixende Publikum amüsierenden Auftritte inzwischen leisten.
Kein anderer in diesem Feierabend-Rat kennt seine Dossiers so gut wie er. Kein anderer hält die Zügel der Fraktionsdiziplin so souverän wie er.
Wohl auch kein anderer in den 5 Ratsparteien inkarniert so massiv wie er den Begriff vom "politischen Urgestein", doch auch kein anderer vermag dabei so sehr zugleich zu faszinieren und zu erschrecken wie Karl-Heinz Lambert. So sehr, dass man plötzlich aufschreckt ihn wie unter der Leselampe in Hosenträgern und kurzen Ärmeln zu sehen: ecce homo, sieh da, doch ein Mensch.
Lambertz hat zwar in all den Ministerjahren nich immer seine Redezeit nicht im Griff bekommen, doch birgt seine Rhetorik im Gegensatz zu den Baldrian- und Valiumreden seiner christlichsozialen Kollegen immer noch eine Menge Informations- und Unterhaltungswert.
Doch ist auch spürbar, dass all Monate der belgischen Affären des Spitaels, Claes, Mathots, Vanderbiest, Happart und Di Rupo nicht wirkungslos an dem Oberstrategen vorbei gegangen sind. Da die Macht ihm alles ist, hat er jede Blut geschwitzt und wie blank die Nerven seine Nerven eigentlich liegen, wird handgreiflich, als er nach einem provokativen Zwischenruf von Gerhard Palm, wie eine Weltraumrakete hochfährt und die auf zwei Vertreter geschrumpfte Oppositionspartei mit einer Beschimpfung nieder zu walzen versucht, die ihm später den in den Ratsannalen bislang einmaligen Vorwurf des Politterrors einbringen soll
Der Koloss und XXL-Minister reagiert plötzlich empfindlich, stichelt mit der PDB-Niederlage von 1995, offensichtlich verdrängend, dass er selbst um ein Haar der grosse Verlierer geworden wäre, hätten die Patrons Deprez und Busquin die Karten in Eupen gegen die Präferenzen des Minister-Präsidenten nicht anders gemischt.
Da giftet er gegen vermeintliche "Berufsnörgler", die doch nur ihr Recht parlementarischen Fragens und Hinterfragens in Anspruch nahmen und dies sogar mit konstruktiven Vorschlägen verbanden.
So tut der schwergewichtige Minister wohl gut daran, erst einmal zu entspannen. Den Regierungspartner hat er zwar fest im Griff, doch muss er offenbar noch lernen, mit der Opposition einen anderen Umgang zu pflegen.