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      IHK/AAV-Jahresendempfang 1996

      Freitag, 20. Dezember 1996

      Ansprache durch Herrn Alfred Bourseaux

      Präsident der IHK Eupen-Malmedy-St.Vith

      Meine sehr geehrten Damen und Herren,

      es ist mir eine große Freude, Sie zum Jahresendempfang 1996 der beiden Unternehmensverbände, dem Allgemeinen Arbeitgeberverband und der Industrie- und Handelskammer Eupen-Malmedy-St. Vith am heutigen Tag in Eupen begrüßen zu dürfen.

      Mit der bemerkenswert raschen Erholung der belgischen Wirtschaft in 1994 und deren Fortsetzung zu Beginn des Jahres 1995 knüpften vielen Menschen die Hoffnung auf eine Überwindung unserer wirtschaftlichen Probleme. Leider hat dieser Aufschwung nicht gehalten, was er versprochen hat. Der Konjunkturzug kam im Laufe des Jahres 1995 wieder rasch ins Stottern und verlor bis zu Beginn dieses Jahres weiter an Fahrt. Diese Talfahrt konnte glücklicherweise im ersten Quartal 1996 gestoppt werden und erste Anzeichen einer leichten Besserung der belgischen Konjunktur sind ab diesem Zeitpunkt zu verzeichnen. Eine kürzlich veröffentlichte Konjunkturanalyse einer belgischen Großbank trug die Überschrift "Amélioration signalée, mais attendons la confirmation" und spiegelt den Gemütszustand allzuvieler Entscheidungsträger in der Wirtschaft wider. Viele befinden sich in einer abwartenden Haltung und lassen ihre zu Beginn 1995 wieder in die Schublade zurückgelegte rosarote Brille des "Konjunkturfrühlings" weiterhin dort verweilen. Zu nahe sind noch die Enttäuschungen der in 1994 scheinbar auf "grün" gestandenen Konjunktursignale.

      Der synthetische Konjunkturindikator der Nationalbank, der aufgrund monatlicher Befragungen belgischer Unternehmen erstellt wird, zeigt klar auf, daß die Unternehmen im gesamten Jahr 1995 einer stark abgeschwächten und tendenziell nach unten zeigenden Konjunkturentwicklung ausgesetzt waren. Dieser freie Fall konnte laut Nationalbank gebremst werden. Für das erste Halbjahr 1996 wurde ein leichter Anstieg von 0,4 % im Vergleich zum ersten Halbjahr 1995 errechnet und die Konjunkturforscher erwarten für das gesamte Jahr 1996 eine Anstieg der Wirtschaftsaktivität von maximal 1,5 %. Diese Zahl basiert auf dem Szenario einer Stabilisierung der Wirtschaft in den ersten 6 Monaten und einer Belebung während der zweiten Jahreshälfte des laufenden Jahres. Der bescheidene Umschwung stellt sich für die drei großen Sektoren, nämlich die Industrie, das Baugewerbe und den Handel, differenziert dar. Während die Konjunkturkurve für den Bau und den Handel bereits eine positive Wendung im letzten Quartal 1995 verzeichnen konnte, mußte der Industriesektor bis zu Beginn 1996 warten, um erste Ansätze einer Wirtschaftsstabilisierung festzustellen.

      Im industriellen Bereich lag die durchschnittliche Kapazitätsauslastung Ende 1995 bei 78 % und konnte bis Mitte dieses Jahres auf rund 80 % angehoben werden. Die Analyse der industriellen Produktion nach Produkten zeigt auf, daß insbesonders der Konsumgüter- und der Produktionsgütersektor weiterhin negativ betroffen waren.
      Dagegen hat das Investitionsgütergewerbe den konjunkturell abwärts gerichteten Trend leichter widerstehen können, da das Investitionsklima in den Unternehmen 1995 und Beginn 1996 insgesamt verbessert war. Die Investitionen übernahmen also hier verstärkt die Rolle des Motors der wirtschaftlichen Expansion.
      Viele dieser Investitionsentscheidungen beruhten sicherlich auf die guten Wirtschafteindrücke bis Beginn 1995 bzw. wurden notwendig infolge einer sehr schwachen Investitionstätigkeit der Unternehmen zu Beginn der 90er Jahre. Das Nationale Statistische Amt errechnete einen Anstieg der Investitionen für 1995 auf 7,3 % im Vergleich zu 1994, Prozentsatz, der, laut Prognosen, auch für 1996 Bestand haben dürfte. Diese Investitionen wurden im wesentlichen getätigt durch Industriebetriebe und weniger durch den Dienstleistungsbereich. In diesem Zusammenhang werden im wesentlichen genannt der chemische, der metallverarbeitende und der nicht-Eisen Metallsektor.

      Die Nachfrage nach Bauleistungen ist weiterhin unbefriedigend. In diesem Zusammenhang spielt die schwierigen Haushaltslage der öffentlichen Hand eine wesentliche Rolle, wodurch die öffentliche Vergabetätigkeit in den letzten Jahren stark eingeschränkt wurde. Die positiven Auswirkungen der niedrigen Zinslage auf die Nachfrage im privaten Wohnungsbau wurden teilweise wieder kompensiert durch die weiterhin vorherrschende Unsicherheit in der Bevölkerung. Allein der Orderzuwachs des industriellen Bereichs infolge des positiveren Investitionsklimas hat unterstützend auf das Bauhauptgewerbe einwirken können.

      Der private Verbrauch, ein wesentlicher Faktor des Bruttosozialprodukts wurde, laut BNB, 1996 im wesentlichen getragen durch einen bedeutenden Anstieg des Verkaufes neuer Fahrzeuge. Unter dem Einfluß des im Januar 1996 stattgefundenden Autosalons in Brüssel und der günstigen Finanzierungsmodalitäten stieg der Verkauf von PKWs im ersten Halbjahr 1996 im Vergleich zum selben Zeitraum 1995 um 13 %. Insgesamt dürften vom privaten Verbrauch angesichts des begrenzten Anstiegs der verfügbaren Einkommen, u.a. zurückzuführen auf die Maßnahmen des Globalplans, auch in diesem Jahr nur geringe konjunkturelle Impulse ausgehen. Der reale Anstieg der Einzelhandelsumsätze wird für die ersten sechs Monate 1996 auf rund 3 % und für das zweite Semester auf weniger als 2 % geschätzt. Diese Situation spiegelt sich aber auch wider in der hohen Sparquote der Belgier

      Die Auslandsnachfrage hat sich im ersten Halbjahr 1996 im Vergleich zu 1995 um 1,1 % verschlechtert. Dabei muß festgestellt werden, daß diese negative Entwicklung im wesentlichen zurückzuführen ist auf eine Abschwächung der Bestellungen aus den Staaten der EU. Während der Export in diese Länder um 2,2 % zurückgegangen ist, stiegen die Aufträge aus den Staaten außerhalb der EU um 18,5 %. Nichtsdestotrotz ging die Ausfuhr von Produkten auf Mengenbasis um 3,1 % in den ersten 6 Monaten 1996 zurück. Der Ursprung ist also hauptsächlich zu suchen in einer abgeschwächten Auslandskonjunktur unserer wichtigsten Handelspartner. Deutschland, Frankreich und Holland nehmen über 50 % unserer Exporte auf. Auf Basis der ersten Jahreshälfte 1996 verringerten sich die Exporte nach Frankreich um 2,4 % und nach Deutschland sogar um 6 %. Da sich für den gleichen Zeitraum unsere Importe um 1,8 % erhöhten, verschlechterte sich unsere Außenhandelsbilanz insgesamt um rund 3 %.

      Meine Damen und Herren,

      die Arbeitslosigkeit ist weiterhin ein zentrales Problem unseres Landes. Rund 500.000 Menschen sind vollentschädigte Arbeitslose, dies entspricht einer Arbeitslosenrate von rund 14 % auf nationaler Ebene. Der festzustellende schwache Wirtschaftsaufschwung ist bei weitem ungenügend, um positive Akzente auf dem Arbeitsmarkt setzen zu können. Laut Wirtschaftsforscher bedarf es eines Mindestanstieges der wirtschaftlichen Aktivitäten von real 3 %, damit ein positiver Einfluß auf den Arbeitsmarkt gegeben ist. Von diesem Schwellenprozentsatz sind wird in 1996 sicherlich noch weit entfernt.

      Das gute Verhalten des belgischen Frankens und die weiterhin insgesamt schwache Inlandsnachfrage haben stabilisierend auf die Preisentwicklung eingewirkt. Die Inflationsrate, in Belgien seit rund zwei Jahren unter 2 % geblieben, ist somit eine der niedrigsten in der Europäischen Union.

      Die Perspektiven für 1997, unter Berücksichtigung der aktuellen Entwicklung, sind verhalten positiv. Laut verschiedener Wirtschaftsprognosen wird für 1997 mit einem Realanstieg des Bruttosozialproduktes um rund 2,5 % gegenüber 1,5 % für dieses Jahr gerechnet. Getragen wird dieser konjunkturelle Aufschwung u.a. durch eine verstärkte Auslandsnachfrage infolge einer europaweiten verbesserten Wirtschaftslage.

      Wir sollten jedoch bei der sich aufzeichnenden Belebung der Wirtschaft nicht die Augen vor gewissen Problemen verschließen und diese als nicht mehr so bedrohlich einschätzen. Belgien kennt eine Reihe von wirtschaftlichen Strukturproblemen, ich denke dabei z.B. an wirtschaftliche Grundstrukturen, an die Arbeitslosigkeit, an Belgiens Staatsschuld, aber auch an gesellschaftliche Mißstände, die bereits zum heutigen Zeitpunkt gravierende negative Auswirkungen auf unser Zusammenleben aufweisen.

      Der Standort Belgien, genau so wie dies für die meisten anderen Länder Westeuropas gilt, ist in Gefahr. Die Globalisierung und Öffnung der Märkte führt zu einer nie dagewesenden Transparenz und damit zu Gefahrenpotentialen, die wir bisher nicht kannten. Der weltweite Wettbewerb ist Realität.
      Problematisch ist die Tatsache, daß unsere Unternehmen sich im internationalen Handel gegenüber Konkurrenten zur Wehr setzen müssen, die nicht immer mit den gleichen Waffen antreten. Liberalisierung und Harmonisierung des Weltmarktes haben sich nicht Hand in Hand weiterentwickelt.

      Hier ist die Politik auf internationaler Ebene in verstärktem Maße gefordert. In diesem Zusammenhang möchte ich nicht mißverstanden werden. Ich bin sicherlich ein Befürworter des weltweiten Wettbewerbs zwischen Standorten, aber zu gleichen Voraussetzungen.

      Um diesen Gefahrenpotentialen gegenüber zu treten und als Herausforderungen anzusehen, bedarf es sicherlich einer positiv vorausschauenden Einstellung und des Bewußtseins, daß jeder an seiner Stelle in dieser Gesellschaft seine Aufgaben und Pflichten mit noch mehr Engagement und Verantwortung angehen muß. So paradox der nachfolgende Satz auch klingen mag, er birgt sicherlich ein Stück Wahrheit in sich. Es muß sich in unserer Gesellschaft sehr viel ändern, damit alles so bleibt wie es ist.

      Meine Damen und Herren,

      dieser kurze allgemeine Wirtschaftsüberblick, der für 1996 sicherlich gewisse nachdenkliche und pessimistische Züge trägt, ist auch auf Ostbelgien übertragbar. Unsere Region ist keine Insel, die, abgeschottet vom Weltgeschehen, einer eigenen Wirtschaftsdynamik unterliegt. Im Gegenteil, die ostbelgische Wirtschaft, zwar charakterisiert durch eine Struktur kleiner und mittlerer Unternehmen, ist stark von der interregionalen und internationalen Wirtschaftslage abhängig.
      Auch wir spüren den heftiger blasenden Wind der Globalisierung und Öffnung der Märkte, wobei sektorielle Unterschiede sicherlich feststellbar sind. Verschiedene Branchen, ich denke z.B. an den chemischen Sektor, entdecken z.B. in Osteuropa eine neue Kundschaft, andere Sektoren wie beispielsweise die Metallverarbeitung oder der Holzsektor dagegen haben sich gegen eine verstärkte Konkurrenz aus diesen Ländern zur Wehr zu setzen. Ich möchte aber heute abend nicht weiter auf die ostbelgische Konjunkturlage eingehen. In Kürze werden wir unsere, bereits traditionell gewordene Konjunkturumfrage wieder starten. Ich möchte daher bereits heute Sie, werte Vertreter der Unternehmen, mit der Bitte ansprechen, auf unseren kurz gehaltenen Fragebogen zur wirtschaftlichen Situation in Ihrem Unternehmen zu antworten. In den letzten Jahren konnten wir Rücklaufquoten von über 50 % verzeichnen, wodurch die Resultate sicherlich als repräsentativ bewertet werden können und somit ein gutes Spiegelbild der aktuellen Wirtschaftslage in Ostbelgien gewährleistet ist. Dieser kurze Appell in eigener Sache.

      Meine Damen und Herren,

      "Vieles muß sich ändern, damit alles so bleibt wie es". Dieser Satz trifft auch für Ostbelgien zu. Ostbelgien gehörte sicherlich mit zu den ersten industrialisierten Gebieten des europäischen Kontinents. Wenn wir heute unsere Wirtschaftsstruktur betrachten, ist es sicherlich nicht die, die vor 100 oder 200 Jahren das Wirtschaftsbild geprägt hat. Vieles hat sich seither verändert und, aufgrund modifizierter Rahmenbedingungen, sicherlich verändern müssen, damit die Leute auch heute noch in Lohn und Arbeit stehen.

      Nichts ist so beständig wie der Wandel. Die Einführung der Maschinen, wie z.B. der Dampfmaschine, die Mechanisierung und Automatisierung der Betriebe, der Einzug der Telefonie, der Computer und Multimedia haben grundlegende Veränderungen für die Betriebswelt und für die Arbeitnehmer mit sich gebracht. Der mehrfache Nationalitätenwechsel hat ebenfalls besondere Anforderungen an die ostbelgischen Unternehmen gestellt.
      Anpassung und Flexibilität waren seit jeher eine Notwendigkeit, um sich auf immer neue politische und somit neue wirtschaftspolitische Gegebenheiten einzustellen.

      Ostbelgien kann sicherlich als ein Wirtschaftsstandort zwischen Tradition und Zukunft charakterisiert werden. Viele Zeichen in Ostbelgien, in den Kantonen Eupen, Malmedy und Sankt Vith, deuten auf eine reiche und lebendige Wirtschaftsvergangenheit hin. Die meisten Unternehmen und Unternehmer der heutigen Zeit, und dies entspricht einer korrekten Denkweise, leben und arbeiten in der Gegenwart und planen für die Zukunft. Der Rückblick auf das Vergangene, also auf das, was die Gegenwart und die Zukunft auch im wesentlichen Maße mit konditioniert hat, kommt bei aller Hektik und allem Streß, die das berufliche Dasein heute kennzeichnen, vielmals zu kurz.

      Dieser Grund war Anlaß genug, unseren heutigen Referenten zu bitten, für uns diesen angesprochenen Rückblick in die ostbelgische Wirtschaftsvergangenheit im Rahmen des diesjährigen Empfangs zum Jahresende zu wagen.

      Meine Damen und Herren,

      den heutigen Gastredner brauche ich Ihnen sicherlich nicht weiter vorzustellen. Herr Professor Dr. Minke ist allen Anwesenden bestens bekannt. Herr Dr. Minke wird nun zum Thema "die wirtschaftliche Entwicklung des Grenzlands Eupen-Malmedy-Sankt Vith vom Ende des Ancien Régime bis 1940" sprechen und versuchen, diese für die ostbelgischen Unternehmen und die hiesige Bevölkerung bewegte Periode in 45 Minuten Vortrag zusammenzufassen.

      Ich wünsche Ihnen bereits jetzt einen interessanten Vortrag und bitte Sie, Herr Professor Dr. Minke, an das Rednerpult.

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