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Politik
Neujahrsempfang 1997
Neujahrsansprache 1997 Gerd Kalscheuer, Präsident AAV Ostbelgien
Allgemeiner Arbeitgeberverband
Eupen - Malmedy - St. Vith
B-4700 Eupen, Herbesthaler Str. 1 A
Jahresendempfang 1996
Freitag, 20. Dezember 1996
Ansprache durch Herrn Gerd Kalscheuer
Ich möchte in den nächsten Minuten ein Thema
aufgreifen, das Herr Bourseaux bereits in seiner vorhergehenden
Ansprache kurz angesprochen hat, nämlich die Diskussion
über den Standort Westeuropa und Belgien.
Meine Damen und Herren,
das westeuropäische Wirtschaftssystem ist zum Vorbild
für viele Länder geworden. Ob lateinamerikanische
Länder sich von Diktaturen zu Demokratien wandeln
oder in den letzten Jahren osteuropäische Staaten
aus dem Kommunismus in die Freiheit gewechselt sind,
vielerorts wird das westeuropäische Modell kopiert.
Man hat aus der Ferne die Faktoren des Erfolgs, die
unser System tragen, beobachtet und für gut beurteilt.
Zu diesen Erfolgsfaktoren gehören gut ausgebildete
und motivierte Arbeitnehmer, innovativ denkende und
risikobereite Unternehmer, eine bestens ausgebaute
Infrastruktur, hohe Produktivität und Flexibilität,
stabile und harte Währungen und sozialer Frieden.
Nur, fliessen bei uns wirklich noch Milch und Honig
in diesem oftmals von aussen beobachtetem Masse, trinken
wir weiterhin Sekt oder ist es doch bereits Selters?
Ist unser Wirtschaftssystem, welches in erheblichem
Masse auch unser gesamtes Gesellschaftssystem beeinflusst
und mitträgt, noch empfehlenswert?
Ist es nicht so, dass wir insgesamt über unsere
Verhältnisse leben ? Manches, was dem einzelnen
zugute kommt und worüber dieser sich freut, beeinträchtigt
allerdings unser System und unsere Wettbewerbsposition
und gefährdet mittel- und langfristig das Erreichte
und somit unseren Wohlstand. Steht unser System wirklich
noch auf einem soliden Fundament?
Meine Damen und Herren,
Durch die Globalisierung und Öffnung der Märkte
sind die Unternehmen verstärkt einem internationalen,
sogar weltweiten Wettbewerb ausgesetzt. Die Grenzen
sind weltweit durchlässiger geworden, die Kommunikations-
und Transportkosten sind weiter fallend. Multimedia,
Internet, die neuen Kommunikationsmittel insgesamt,
erlauben es dem Asiaten, dem Südamerikaner oder
dem Osteuropäer, sich mit seinen Produkten, Dienstleistungen
und Preisen auf jedermanns PC zu präsentieren
und zu werben. Die totale Transparenz ist heute Realität.
Eine Industrienation wie Belgien, die rund 71% ihres
Sozialproduktes exportiert, ist auf offene und transparente
Märkte angewiesen, muss aber auch zukünftig
in der Lage sein, sich auf diesen Märkten zu behaupten.
Die Argumentation, dass Preisdifferenzen zu unseren
Ungunsten kompensiert werden durch höhere Qualität,
einen technischen Vorsprung, eine höhere Produktivität
und prompten Service, greift nur noch bedingt. Andere
Standorte und Nationen sind mit gleicher Technologie
wie in Westeueropa oder Belgien auch fähig, eine
ähnlich hohe Produktivität zu erzielen.
Technischer Vorsprung wird dadurch verspielt, dass
der Technologietransfer heute zur Normalität gehört.
Konzerne, aber auch kleine und mittlere Unternehmen,
die in den sogenannten Billiglohnländern investieren,
verpflanzen mit der Geldinvestition auch das technische
Know How in diese Länder. Lohndifferenzen und
Belastungsquoten schlagen daher stärker zu Buche
als früher. Die Massnahme der teilweisen Produktionsverlagerungen
ins Ausland führt - so paradox dies auch anmuten
mag - gleichzeitig zum Verlust und zur Sicherung heimischer
Arbeitsplätze. Wenn die lohnkostenbedingten Produktionsverlagerungen
ins Ausland nur als ein "Exodus" der Arbeitsplätze
dargestellt werden, unterschlägt man natürlich,
dass diese Investitionen teilweise zur Erschliessung
neuer Märkte dienen bzw. in gewissen Fällen
die teuren Arbeitsplätze in Westeuropa mitfinanzieren.
Menschen, die aufgrund dieser Delokalisierungen ihre
Arbeitsstelle verlieren, und dies kann ich nachvollziehen,
haben natürlich kein Verständnis für
diese Argumentation.
Meine Damen und Herren,
Belgien reiht sich, was die Brutto-Stundenlöhne
anbetrifft, sicherlich im vorderen Mittelfeld der Industrienationen
ein. Was aber den Standort Belgien in den Arbeitskosten
bis beinahe an die Spitze schiessen lässt, sind
die sehr hohen Lohnzusatzkosten. Die Folge ist, dass
Belgien, nach Deutschland und der Schweiz, die höchsten
Arbeitskosten in der verarbeitenden Industrie aufzuweisen
hat. Die in Belgien vorhandene hohe Produktivität,
gepaart mit längeren Maschinenlaufzeiten, ermöglicht
es der belgischen Industrie, die Lohnstückkosten
in einem auf internationaler Ebene verhältnismässig
akzeptablen Niveau zu halten. Dies ändert aber
nichts an der Tatsache, dass die Arbeitskosten, insbesonders
die Lohnzusatzkosten, sich auf einem viel zu hohen
Niveau befinden.
Es ist deshalb für mich auch keineswegs überraschend,
dass die wirtschaftlichen Leistungen Belgiens im Hinblick
auf die Arbeitsmarktsituation enttäuschend sind.
Was ist also zu tun ?
Man könnte argumentieren mit Slogans wie "Rezession
ist keine Depression" oder "der nächste
Aufschwung kommt bestimmt", um folglich den Dingen,
die da kommen mögen, ihren freien Lauf zu lassen.
Allerdings ist der Wohlstand von heute keine Garantie
für den Wohlstand von morgen.
Man könnte aber auch in Hektik verfallen, "Management
by panic" praktizieren und z.B. neue protektionistische
und marktabschottende Massnahmen wieder einführen.
Dies macht aber ebenso wenig Sinn, zudem Belgien vom
internationalen Handel lebt. Der Bedarf an Gütern
und Dienstleistungen ist weiterhin gross und nimmt,
makroökonomisch gesehen, sogar weiter zu. Viele
Staaten stehen in den Kinderschuhen der Entwicklung,
haben bei weitem unseren Wohlstand nicht erreicht.
Es kommt also darauf an, zu denen zu gehören, die
im internationalen Handel auch weiterhin konkurrenzfähig
sind und deren Leistungs-/Preisverhältnis besser
ist als das des Mitbewerbers.
Karel Boone, Präsident des belgischen Untenehmerverbandes
FEB, sagte kürzlich bei einer Vortragsveranstaltung
in Brüssel, dass die Wettbewerbsfähigkeit
eines Unternehmens grösstenteils bestimmt wird
durch spezifische Rahmenbedingungen des Landes, in
dem es seinen Firmensitz hat, nämlich die Höhe
der Steuern und der Sozialabgaben, die Reglementierungen
bezüglich des Arbeitsmarktes, der Produktionsmittel
oder der Produkte, die Zinssätze sowie die Energiekosten.
Seiner Meinung nach liegt die Lösung also im
Land selbst und nicht ausserhalb.
Zwei essentielle Faktoren werden deutlich.
Einerseits ist eine strenge Beherrschung der Kostenentwicklung,
insbesonders der Lohnkosten, eine unabdingbare Notwendigkeit
zur Stabilisierung unserer internationalen Marktposition.
Senkung der hohen Sozialabgaben impliziert jedoch
auch den generellen Umbau des Sozialstaates, damit
das ganze System weiterhin finanzierbar bleibt. Ich
propagiere nicht den Kahlschlag des Sozialstaates.
Der Sozialstaat soll denen vorbehalten bleiben, die
sich wirklich in einer sozialen Not befinden. Wie
sagte der damalige deutsche Bundeskanzler Willy Brandt:
"Das soziale Netz ist keine Hängematte."
Andererseits wirkt die staatliche Überregulierung,
die damit verbundenen gesetzlichen und verwaltungsmässigen
Beschränkungen sowie das scheinbare Fehlen eines
langfristigen Konzeptes einer kohärenten Wirtschaftspolitik
und der daraus folgenden Unsicherheit bei den Unternehmen,
bremsend auf den Intitiativgeist der Wirtschaftsverantwortlichen
ein.
Für ausländische Investoren, die einen Standort
suchen, spielt politische Stabilität und Kohärenz
eine wichtige Rolle. Laut den Ergebnissen einer Meinungsumfrage
seitens des europäischen Rates der amerikanischen
Handelskammern bei 700 Kaderleuten aus Unternehmen
in 23 europäischen Ländern, liegt Belgien
bezüglich der Bewertung der Regierungsarbeit gegenüber
der Geschäftswelt an 20. Stelle, nur noch gefolgt
von der Türkei, der Slowakei und Bulgarien. Auch
wenn diese Umfrage sujektiv und vielleicht unzureichend
repräsentativ erscheint, sie hat jedoch den Verdienst,
uns einen Verbesserungsansatz anzudeuten, der möglich,
ja notwendig wird. Eine deutliche Imageverbesserung
Belgiens im Ausland muss ein erklärtes Ziel aller
Entscheidungsträger Belgiens sein.
Ein kürzlich akut gewordenes Problem kann hier
als Beispiel herangezogen werden: der Beschluss der
Europäischen Union, Maribel 2 als wettbewerbsverzerrende
Massnahme zu deklarieren. Der belgische Staat wird
folglich seitens der Kommission aufgefordert, die anerkannten
Vorteile von den Unternehmen zurückzufordern.
Die hierdurch entstandene Diskussion wirft abermals
ein schlechtes Bild auf die belgische Wirtschaftspolitik.
Wieso ist es nicht denkbar, den Körperschaftssteuersatz
generell zu senken und im Gegenzug viele der Beihilfen
zu streichen, die ohnehin durch die Besteuerung der
Unternehmen finanziert werden. Durch diese Massnahme
würde der Staat einerseits mehr Klarheit schaffen,
die breite Palette an Beihilfen reduzieren, die zum
heutigen Zeitpunkt so umfangreich sind, dass selbst
ein Experte den Überblick verliert. Die Unternehmen
müssen sich heute bei jeder Wirtschaftstätigkeit,
sei es bei Einstellung einer Person, bei Investition,
bei Export, usw. die Frage nach möglichen Beihilfen
stellen und mit der Befürchtung agieren, aus Nichtkenntnis,
irgendeine Beihilfe nicht in Anspruch genommen zu haben.
Andererseits würde die öffentliche Hand
durch einen attraktiveren Körperschaftssteuersatz
ein positiveres Investionsklima auch für externe
Investoren schaffen.
Meine Damen und Herren,
Es liegt mir fern, den Standort Belgien herunterzureden.
Es ist aber sicherlich an der Zeit, die Debatte über
unseren Standort intensiv zu führen, kein Thema
zu tabuisieren und bereit zu sein, verkrustete Stellen
unseres Wirtschafts- und Sozialsystems aufzuweichen
oder zu entfernen. Diese Debatte ist notwendig, damit
auch noch morgen aufstrebende Länder unser westeuropäisches
Wirtschafts- und Gesellschaftssystem als Modell ansehen
und kopieren.
Es muss sich also einiges ändern, damit alles so
bleibt wie es ist.
Meine Damen und Herren,
Hiermit schliesse ich, auch im Namen von Herrn Bourseaux,
den offiziellen Teil des diesjährigen Empfangs
zum Jahresende 1996 der Industrie- und Handelskammer
und des Allgemeinen Arbeitgeberverbandes. Wir danken
Ihnen für die Aufmerksamkeit, die Sie Herrn Dr.
Minke entgegengebracht haben.
Im Namen aller Anwesenden möchte ich Ihnen nochmals
danken, Herr Dr. Minke, für diesen hochinteressanten
Vortrag, der uns unsere eigene Geschichte und Vergangenheit
wieder näher gebracht hat.
Wir möchten jedoch die Gelegenheit nicht versäumen,
allen Mitgliedern und Freunden der Kammer und des Verbandes
für die gute Mitarbeit und manche wertvolle Unterstützung
im ablaufenden Jahr 1996 ebenfalls zu danken. Wir
sind sicher, dass diese fruchtbare Zusammenarbeit auch
das kommende Jahr auszeichnen wird. In diesem Sinne
wünschen wir bereits jetzt allen Anwesenden ein
frohes Weihnachtsfest sowie ein gutes und erfolgreiches
neues Jahr 1997.
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