Eupen/Lüttich. - Ein Jahr nach der Ermordung von André Cools legte ein italienischer Gangster eine neue Fährte in der undurchsichtigen Affäre, deren Spuren bis dahin immer wieder schnell im Sande verlaufen waren. Der Fall um den Wertpapierraub, der den ehemaligen Regionalminister Alain Van der Biest ins Schlepptau nahm, war ab Juni 1992 immer wieder für eine Schlagzeile gut. Eine direkte Verbindung zum Mordfall Cools konnte nie nachgewiesen werden, doch war diese Affäre der eigentliche Auslöser für die Aufdeckung einer stinkenden Kloake von Bestechung und illegaler Parteienfinanzierung.
Bereits im Februar 1992 deckte der Untersuchungsrichter von Neufchâteau, Jean-Marc Connerotte, einen ausgedehnten Handel mit gestohlenen Wertpapieren auf. Unter den Beschuldigten: Pino Di Mauro, ehemaliger Fahrer im Kabinett von Minister Van der Biest, und der Kriminelle Carlo Todarello. Im November 1991 waren bei einem Raubüberfall in Zaventem 25 Millionen F an Wertpapieren gestohlen worden. Die Ermittlungen führten auf die Spur einer ganzen Serie von Wertpapierdiebstählen seit 1989.
Im Juni 1992 ging die Bombe hoch: Der der Polizei bekannte Gauner Todarello wandte sich an den Privatdetektiv André Rogge, später auch an vier Journalisten, und beschuldigte den Bürgermeister von Grâce-Hollogne und ehemaligen Regionalminister Alain Van der Biest, den Mord an dessen Genossen Cools angestiftet zu haben. Eine Woche später wurde Richard Taxquet, ehemaliger Sekretär von Van der Biest, festgenommen. Beschuldigt wurde auch Silvio De Benedictis, ein Onkel von Taxquet.
Für den Verdacht, daß Van der Biest, der ehemals ein Cools-Anhänger gewesen war, sich dann aber mit dem »Padre padrone« zusehends verkrachte, hinter dem Mord an dem Bürgermeister von Flémalle stecken sollte, fanden sich keine Anhaltspunkte. Sicher war allenfalls: Der Regionalminister, der im übrigen 1988 an den Verhandlungen mit... Agusta beteiligt war, hatte sich in seinem Kabinett mit den höchst dubiosen Figuren Taxquet, ein ehemaliger Polizist, und Di Mauro, ein ehemaliger Gefängniswärter, umgeben. Beide leugneten zwar, daß sie für ihren ausgedehnten Handel mit den gestohlenen Wertpapieren Fax, Telefon und Dienstwagen des Ministers, ein Citroën BX, benutzten, doch konnten sie überführt werden, zumal sie ihre Ausflüge nach Luxemburg, Liechtenstein und Italien als Dienstreisen abrechneten.
Was behauptete nun Todarello? Der Minister selbst sei in die Geschichte um den Raub verstrickt. Cools habe Wind davon bekommen, woraufhin Van der Biest über Taxquet und Di Mauro einen Killer (aus Italien) angeheuert habe, um den Mitwisser auszuschalten. Diese Behauptungen, die zudem in widersprüchlichen Versionen vorlagen, konnten nicht erhärtet werden, verschafften Véronique Ancia aber neue Einblicke in den Sumpf der Parteienfinanzierung.
Der alkoholabhängige Van der Biest gab in den nachfolgenden Monaten eine tragische Figur ab. Noch ehe er vor Gericht aussagen konnte, wurde er nach einem Kneipenbesuch mit doppeltem Schädelbruch hilflos auf dem Gehsteig gefunden. Er kämpfte wochenlang um sein Erinnerungsvermögen. In einem Fernsehinterview hatte er zuvor angekündigt: »Wenn ich verschwinde, oder mir etwas passiert, ist mein Gedächtnis auf Kassetten gespeichert.«
Eine Zeitlang wurde Van der Biest von allen Seiten bespuckt: Die Palette reichte von der Verwicklung in den Wertpapierraub bis zu Unterschlagungen öffentlicher Gelder. Jean-Maurice Dehousse, erbitterter Gegner von Cools und späterer Bürgermeister von Lüttich, hatte kurz vor dem tragischen 18. Juli gesagt: »Hier in Lüttich wird alles in Logen geregelt.« Auch Richard Taxquet befand sich nicht auf der gleichen Wellenlänge wie André Cools und gehörte einer anderen (Freimaurer-)Loge als der Staatsminister an. Eines Abends soll er über Cools gesagt haben: »Jetzt heißt es: entweder er oder ich.«
Im Dezember 1994 tauchte ein gewisser Georges Delfosse, ein Agronom aus Tilff, auf, der im Gefängnis von Verviers die Bekanntschaft von Cosimo Solazzo gemacht hatte. Solazzo habe ihm anvertraut, daß er im Auftrag von Taxquet die Mörder von Cools beherbergt hätte. Es war auch Delfosse, der von einem mysteriösen Treffen in einem Café in Tilff sprach, bei dem in Anwesenheit von u.a. Ex-Regionalminister Guy Mathot der Mord an Cools geplant worden sei. Alle diese Behauptungen platzten wie Seifenblasen. Der »Fata Morgana-Zeuge« Delfosse, auf den selbst Ex-Vizepremierminister Moureaux im März 1995 hereinfiel, geriet, ebenso wie zuvor Rogge und Todarello, schnell in Vergessenheit.
Die Affäre um den Wertpapierraub ist nicht zu Ende. Die Ermittlungen werden im Schubladen-Verfahren fortgesetzt. Alle Protagonisten dieser Affäre sind bis heute von jeglichem Zusammenhang mit dem Cools-Mord freigesprochen. Und Van der Biest, seinerzeit mit Schlamm beworfen und sogar öffentlich als Mörder beschimpft? Er selbst betrachtet sich als »Sündenbock«, dem niemand die verlorene Ehre wiederbringt. Seine parlamentarische Immunität wurde aufgehoben, er wurde vor den Kassationshof zitiert. Im März dieses Jahres erklärte die Anklagekammer die Annullierung der Ermittlungspflicht von Untersuchungsrichterin Ancia wegen »gesetzmäßiger Fehler in der Nichtachtung der regionalen und gemeinschaftlichen Immunitäten«.
Einen faden Beigeschmack hinterließ die Affäre um den Wertpapierraub im sogenannten »Krieg der Richter«. Während die Lütticher Cools-Zelle, die keinen Zusammenhang mit dem Cools-Mord erkannte, die Spur des Wertpapierraubs nach einer gewissen Zeit nicht weiter verfolgt, ermittelte Neufchâteau weiter. Es kam zum »Krieg der Richter« zwischen Connerotte und Ancia. Am 1. Juni 1994 wird dem Ardenner Untersuchungsrichter der Fall entzogen. Für die Cools-Zelle, der u.a. von höchster Justizinstanz vorgeworfen wurde, eine heiße Spur zu vernachlässigen, war die Fährte Wertpapierraub und Van der Biest, die wie das Monster von Loch Ness in schöner Regelmäßigkeit in den Schlagzeilen auftauchte, nichts anderes als ein politisches Manöver, um die Sonderkommission in Lüttich von heißen Fährten abzubringen, die - wie beispielsweise Agusta - der PS Schaden zufügen könnten.
(Fortsetzung folgt)
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