Dutzende Spuren, aber keine Täter


Eupen/Lüttich. - Bevor in Zusammenhang mit dem Mord an André Cools erstmals der Wertpapierraub, Agusta und SMAP in die Schlagzeilen rückten, taten sich den Lütticher Fahndern um Untersuchungsrichterin Véronique Ancia zahlreiche Spuren auf, die jedoch nach eingehender Überprüfung allesamt im Sande verliefen.

André Cools hat selbst einmal gemeint: »Was für eine Illusion für die Menschen: Sie wollen immer mehr Macht besitzen und fallen ihr schließlich zum Opfer.« Es gab Hunderte Gründe, den ehemaligen PS-Chef zu mögen - oder zu hassen. André Cools war eine echte Persönlichkeit. Er hat viel ausgeteilt und viel eingesteckt. Er regierte wie ein Despot über »seine« Parti Socialiste, war gefürchtet und geachtet. Seine Methoden waren umstritten, doch verfolgte er stets - auf welchen Wegen auch immer - ein sozialistisches Ideal.

Véronique Ancia

Vor diesem Hintergrund konnte man ahnen, worauf sich die damals 35jährige Véronique Ancia einließ, als sie - nur, weil sie an jenem frühen Morgen des 18. Juli 1991 Bereitschaftsdienst hatte und zum Tatort bestellt wurde: In ihrem gelben Jackenkleid, ein wenig graziös, ein wenig kokett, wirkte sie eher wie die Verkäuferin einer Modeboutique.

Doch in den nachfolgenden fünf Jahren legte die 1993 von den belgischen Journalisten gekürte »Frau des Jahres« eine betäubende Entschlossenheit und Hartnäckigkeit an den Tag, die Neider und Skeptiker schnell verblassen ließ. Mit Leib und Seele verschrieb sich die Mutter von zwei Kindern der Affäre Cools. Tagaus, tagein versuchte sie, den Gordischen Knoten zu lösen, die Fäden des Rätsels zu entwirren. Sie fand... nicht den Mörder von André Cools, wohl aber legte sie einen Sumpf von Bestechung und illegaler Parteienfinanzierung trocken, eine »Sozialistische Internationale der Korruption von Lüttich bis Mailand«, wie die flämische Zeitung De Morgen schrieb.

Superkanone

Der erste Hinweis, der nach dem Mord einging, war der nach einem Anhalter, der zur Tatzeit an der Straße Richtung Cointe gesehen worden war. Schnell stellte sich heraus: Er hatte nichts mit dem Mord zu tun. Genauso wenig wie der ehemalige Angestellte eines Krankenhauses in Seraing, der auf Druck von Cools entlassen worden war: Er hatte ein Alibi. Zu den Akten wurden auch Hinweise gelegt, die in rechtsextreme Kreise führten.

Auf großes Echo in den (ausländischen) Medien stieß die Spur der Superkanone, wonach Cools im Besitz von Dokumenten gekommen sein soll, die belgische Politiker hätten kompromittieren können. Diese Papiere sollen vom kanadischen Ingenieur Gerald Bull gestammt haben, der die Superkanone für Irak gebaut haben sollte und im März 1990 in Brüssel (durch den israelischen Geheimdienst?) ermordet wurde. Doch es blieb bei diesen unbewiesenen Vermutungen.

Rotes Motorrad und Giftfässer

Die Suche nach einem zur Tatzeit in Cointe beobachteten roten Motorrad hielt die Öffentlichkeit einige Tage in Atem. Die Maschine wurde gefunden, deren Besitzer ebenfalls, der sich zur besagten Zeit am Tatort aufgehalten hatte. Doch die Spur war nicht heiß.

Zwischen Ende 1991 und Beginn 1992 wurde das Gelände von Val-Saint-Lambert in Seraing - im Erdreich sollten Giftstoffe abgelagert worden sein - mit dem Cools-Mord in Verbindung gebracht. Fünf Personen, die direkt oder indirekt mit dem Gelände zu tun hatten, wurden ermordet aufgefunden. Doch die Justiz konnte keine Zusammenhänge herstellen, auch wurden keine Giftfässer gefunden.

Dann war da noch das kurz vor dem Cools-Mord in Brand gesteckte Auto von Lambert Verjus, seinerzeit PS-Präsident in Lüttich und ein Cools-Vertrauter. Auch hier: nur ein Hinweis, keine Spur und erst recht kein Täter.

Kurz vor seinem Tod hatte André Cools gesagt: »Irgendwann knallt´s.« Irgendwie hat er recht behalten, denn die Ermittlungen legten ab Februar 1992 einige krankhafte Geschwüre unseres politischen Systems offen. Die Ermordung Cools´ wurde zur »Affäre Cools«, synonym für »Affäre Agusta«, »Affäre SMAP«, »Affäre Wertpapierraub«.

(Fortsetzung folgt)


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