Am Anfang war das Attentat auf Cools(1)


18.7.1991: Tödliche Schüsse auf den »Paten von Lüttich«


Es ist frisch in jenen frühen Morgenstunden des 18. Juli 1991. Der Himmel über der Maasstadt ist verhangen, als der 63jährige Bürgermeister von Flémalle um 7.25 Uhr das Appartementhaus »Résidence de la Colline« im Lütticher Vorort Cointe verläßt - an seiner Seite Marie-Hélène Joiret, seine Lebensgefährtin. Just in dem Moment, als André Cools in seinen Pkw steigen will, fallen tödliche Schüsse. Eine weitere Kugel gilt seiner Freundin, die schwer verletzt wird und den Täter nur kurz - zu kurz - zu Gesicht bekommt.

Die Szene spielt sich in wenigen Sekunden ab, der Täter kann unerkannt flüchten. Augenzeugen wollen einen etwa 40jährigen Mann gesehen haben. Die Tatwaffe ist eine 7.65mm-Pistole - wie es deren wahrscheinlich Millionen auf der Welt gibt.

Pakt mit dem Teufel

An jenem Morgen des 18. Juli wurde das erste Kapitel eines Politkrimis geschrieben, dessen Schauplatz nicht etwa Palermo, sondern Lüttich ist. Eiskalt ermordet wurde - und das können in den ersten Stunden nach der Tat nur wenige so recht glauben - ein Politiker, der ehemalige Präsident der frankophonen Sozialisten, mehrfacher Minister, Staatsminister, Bürgermeister,... der ungekrönte König des heruntergekommenen wallonischen Industriereviers: André Cools, der sich 1990 aus der Politik zurückgezogen hatte, um sich vor allem dem wirtschaftlichen Wiederaufbau seiner Heimatregion zu widmen.

Auf die Lütticher Untersuchungsrichterin Véronique Ancia, die zufällig an jenem 18. Juli Bereitschaftsdienst hatte und deshalb mit der Aufklärung des Mordes beauftragt wurde, wartete eine Titanenwerk. »Wenn der Teufel der Stadt geben kann, was sie braucht, dann schließe ich einen Pakt mit dem Teufel«, hatte der Sozialist Cools unter Hinweis auf mögliche kapitalistische Hilfe einmal gesagt. Ohne den hemdsärmeligen »Maître de Flémalle« lief nichts im Lütticher Industrierevier und innerhalb der PS. Er hatte ein immenses Spinngewebe über das Maastal gespannt. Als Nervenzentrum galt die von Cools 1989 gegründete Industrie- und Finanzgesellschaft Neos, das Admiralsschiff einer Armada, die unersättlich war auf der Suche nach wirtschaftlicher und politischer Macht. Die Krake Neos entzog sich jeder politischen Kontrolle, ihre Teilhaber waren die SMAP, der Gemeindekredit und die Lütticher Interkommunalen wie ALE (Strom), ALG (Gas), CILE (Wasser), Intradel (Müll) usw.

Hochexplosiv

Zum Zeitpunkt des Mordes war das Klima in Lüttich und in der PS hochexplosiv. Die Cité Ardente hatte zwei Jahre zuvor Bankrott anmelden müssen, weil sie nicht einmal mehr ihre Polizisten und Feuerwehrleute bezahlen konnte. Sanierungspläne von Cools führten zum Bruch zwischen dessen Anhängern (Demolin, Schlitz,...) und den »Rebellen« der Perron-Gruppe (Dehousse, Van der Biest,...). Gemeinsam mit seinen Getreuen hatte »Gottvater« Cools ein profitables System zum Füllen der Parteikasse entwickelt: Wann immer die wallonische Regionalregierung oder die Stadtverwaltung öffentliche Aufträge zu vergeben hatte, sorgte der »Pate von Lüttich« dafür, daß jene Unternehmer den Zuschlag erhielten, die den großzügigsten Obolus an die Sozialisten entrichteten.

Was wußte Cools?

Am Tag von dessen Beerdigung sagte Philippe Moureaux, geistiger Sohn von André Cools: »Diejenigen, die ihn an den Pranger gestellt haben, gaben dem Mörder die Waffe - aus welchen Motiven auch immer.« Das Klima in Lüttich war vergiftet - dazu hatte auch Cools mit seinem unorthodoxen und aggressiven Verhalten selbst beigetragen. Seine politische Omnipräsenz und vielschichtige Persönlichkeit erleichterten die Arbeit von Frau Ancia und ihren Fahndern keineswegs.

André Cools hatte viele Freunde, aber ebenso viele - wenn nicht mehr - Feinde. Viele Pisten taten sich den Fahndern nach dem 18. Juli 1991 auf, die meisten, gruppiert unter »Begleichung offener Rechnungen«, verliefen im Sande. Andere brachten die Justiz auf die Spur dunkler Parteifinanzierungskanäle und eines dubiosen Millionengeschäfts, die - wenn sie auch den Mörder nicht entlarvten, zumindest das Verdienst haben, - internationale Betrugsaffären aufgedeckt zu haben.

Cools war in zahllose Geschäfte verwickelt, die der PS zuträglich sein sollten. Eines könnte dem Paten von Lüttich zum Verhängnis geworden sein. Wenige Wochen vor seinem Tod hatte André Cools bei einem Empfang der Lütticher Journalistin Lilly Portugaels anvertraut: »Ich bin entschlossen, einen großen Coup zu landen. Im September hast du etwas zu schreiben.« Woran arbeitete Cools, wen oder was wollte er auffliegen lassen? Diese Fragen blieben bis heute unbeantwortet, und die Mörder laufen noch immer frei herum.

(Fortsetzung folgt)


© 18.07.1996 Grenz-Echo
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