26.02.2002
Offener Brief an die Regierung der DG
Ich wurde vom Hauptlehrer einer kleinen Volksschule gebeten auf einem kurzfristig für Montagabend, 25.02.2002, einberufenen Elternabend die Sorgen der Eltern zu zerstreuen, die durch das Erstellen einer Website und dem Einfügen von Kinderfotos auf der Website dieser Volksschule entstanden waren.
Dazu folgende Bemerkungen:
1. Wenn die Regierung der DG die Schulen eine eigene Homepage einrichten lässt und hierfür eigens eine "geschulte" Person eingestellt hat, die den Lehrern bei der Entwicklung dieser Homepages zur Seite steht, und wenn ausserdem die Regierung der DG für teures Geld eine "Agentur für neuen Medien" ins Leben gerufen hat, wieso ist dann die Regierung oder dieser Betreuer/diese Betreuerin oder diese Agentur nicht im Stande für eine angemessene Aufklärung der Lehrpersonen und Eltern zu sorgen? Warum muss eine Lehrperson dazu auf eine objektive, das Gesetz zu Grunde legende (kostenlose) Beratung eines Unternehmens zurückgreifen ?
Das gleiche Thema hatte bereits vor einem Jahr an einer anderen Volksschule in der DG hohe Wellen geschlagen. Hätte damals nicht schon das Unterrichtsministerium oder der Medienminister hellhörig werden müssen? Wieso muss diese Diskussion jetzt schon wieder geführt werden? Und in einem Monat vielleicht erneut an einer anderen Volksschule?
2. Ich begrüsse ausdrücklich die Beteiligung der DG an dem Projekt, dass den Schulen den Zugang zum Internet ermöglicht mit verbilligten Tarifen und kostenloser Hardware. Es ist wichtig, dass unsere Kinder so früh wie möglich den Umgang mit diesem Medium lernen und hierzu gehört auch eine Website, selbst schon in der Volksschule. Aufgabe der Lehrer ist es, ihnen den richtigen Umgang damit zu zeigen und sie anzuleiten, damit sie lernen die Glaubwürdigkeit der Informationen im Internet zu beurteilen. Ich wäre der Letzte, der sich dieser Initiative entgegenstellen würde.
Aber
3. Wenn man mit Namen versehene Porträtfotos von Kindern ins Internet stellt und zudem noch Aufsätze der Kinder unter deren Namen publiziert, aus denen die Familienverhältnisse klar hervorgehen (z.B. Namen von Geschwistern, Tante, Onkel, usw.), dann lässt sich aus diesen Puzzle-Teilen schon ein Bild zusammensetzen.
Als Beispiel folgendes Szenario, das zwar erfunden aber nicht utopisch ist:
Kind kommt aus der kleinen Dorfsschule, geht die 800 m alleine zu Fuss nach Hause. Ein fremdes Auto hält an und jemand sagt: "Hallo Anja, ich bin der Freund von deiner Tante Ida. Sie hat mich gefragt, dass ich dich mitnehme zum Krankenhaus nach Eupen, denn dein Papa Viktor und deine Mama Thea sind mit deinem Bruder Sven dort hin. Der ist bei Onkel Rudi in der Werkstatt von der Leiter gefallen. Darum ist im Moment niemand bei Dir zu Hause und du willst doch sicher wissen, wie es ihm geht."
Wer kann garantieren, dass das Kind bei so viel persönlichen Informationen sich an die hoffentlich ausreichende Aufklärung durch die Eltern errinnert, standhaft bleibt und zu dieser Person NEIN sagt? Wie kann ein Kind in diesem Alter bei so vielen richtigen Informationen entscheiden, ob auch die Geschichte stimmt?
"...Studien haben ergeben, dass Kinder im Vorschulalter in bedrohlichen Situationen eher ein unpassendes Verhalten zeigen..." (Aus: www.euregio.net/deutsch/kinderschutz)
Es liegt mir fern Panik zu schüren, aber dieses Szenario ist doch erschreckend.
Schulwebsites mit so vielen persönlichen Daten, die uneingeschränkt von Suchrobotern "gecrawled" werden können, bieten kranken Typen eine Fülle an Informationen, und wie wir wissen, ist Ostbelgien keine Insel. Denken wir nur zurück an die Aufregung, als in unserem ländlichen Ostbelgien eine Person Kinder beim Verlassen der Schule fotografierte. Weil es öffentlich geschieht, fallen solche Leute glücklicherweise meistens noch auf, wenigstens auf dem Land. Aber übers Internet können Triebtäter sich in aller Ruhe und unbeobachtet die hübschesten, sie ansprechenden Gesichter heraussuchen... Die Schulen dürfen ihnen die Sache nicht erleichtern!
4. Es ist durchaus verständlich, dass Kinder stolz darauf sind, wenn ihre Fotos im Internet stehen und es motiviert sie auch enorm, sich dann im Internet mit den unterschiedlichsten Themen zu befassen, eine Motivation die bei anderem Lernstoff ja bekanntlich oft zu wünschen übrig lässt.
Aber diese Materie ist zu wichtig als dass man sich nicht VORAB gründlich informieren sollte. Den Brunnen zudecken, wenn das Kind schon reingefallen ist, ist wohl die falsche Vorgehensweise.
Wer würde sich wohl im schlimmsten Fall bereit erklären, die Verantwortung zu übernehmen?
5. Und dann wäre da ja auch noch das belgische Datenschutzgesetz von 1998. Das Abbilden von Fotos von Kindern aus Kindergarten und Volksschule im Internet steht im Widerspruch zu diesem Gesetz, das besagt, dass die Verwaltung von Daten so gewährleistet werden muss, dass die persönliche Lebenssphäre nicht gefährdet wird.
Mein Vorschlag an die Regierung der DG wäre, unverzüglich alle Fotos der Kindergarten- und Volksschulkinder aus den Websites der Schulen entfernen zu lassen und erst genau abzuklären, inwiefern diese Fotos mit oder ohne Erlaubnis der Eltern ins Netz gestellt werden dürfen.
Ein möglicher Ansprechpartner für diese Frage ist der Vorsitzende der Kommission für den Schutz des Privatlebens, Herr RA Paul Thomas (Président premier avocat général près de la cour de Mons).
Siehe: www.privacy.fgov.be
Persönlich denke ich, dass Fotos auf Schulwebsites erlaubt sein sollten, jedoch unter Berücksichtigung folgender Kriterien:
- - niedrige Auflösung (und nicht Bilder von 1 Mb, wie gestern noch auf der Website einer andere Volksschule. Der Webmaster hat inzwischen auf meinem Hinweis hin eine Anpassung vorgenommen.)
- - keine Porträtfotos,
- - nur Rückenansicht,
- - und ganz bestimmt KEINE NAMEN bei den Bildern,
- - immer nur den Anfangsbuchstaben der Namen von Familienangehörigen in den Aufsätzen, die im Internet publiziert werden.
Erst wenn eine klare Aussage der Kommission für den Schutz des Privatlebens vorliegt, sollte die Regierung den Lehrpersonen konkrete und korrekte Richtlinien mitteilen.
Und auch erst dann können die Lehrer die Eltern ggf. um ihre Zustimmung für das Veröffentlichen der Fotos ihrer Kinder im Internet bitten.
Erst dann, und nicht eher!
Eine weitere Schutzmassnahme wäre, wenn die Schulwebsites passwortgeschützt wären, so dass der Zugang nur über den entsprechenden Lehrer möglich ist. Die zum jetzigen Zeitpunkt angewandte Methode des "geheimen URL" ist weniger wasserdicht, da diese URL herumgereicht werden kann und die Kontrolle darüber im Laufe der Zeit entgleitet, so dass sie auch in den falschen Händen landen können.
Die passwortgeschützte Schulwebsite könnte somit trotzdem in der Schule benutzt werden und auf den Schulfesten könnte sie auch stolz den Eltern vorgeführt werden.
Um jedoch weiterhin einen Austausch mit anderen Schulen zu ermöglichen, könnte ein Teil der Website öffentlich zugänglich bleiben, der 'intimere' Teil jedoch bliebe geschützt und somit das weltweite Internet aussen vor.
Auch bei diesem Projekt gilt: erst die Hausaufgaben machen!
Zum Schutz unserer Kinder!
Hubert Savelberg
euregio.net AG
Gründungsmitglied der ISPA
(Internet Service Providers Association) Belgium
01.03.2002
Nachtrag zum "Offenen Brief" - BRF Interview 285.02.2002 mit Minister Gentges
Herr Minister Gentges war wohl falsch informiert, als er am Donnerstag den 28.2.2.2002 in einem BRF-Interview sagte, die Seiten seien nie übers Internet zugänglich (gewesen). So waren bis Freitagmorgen 1. März 2002 um 10,20 Uhr, Texte und Bilder (zwar mit teilweise unkenntlich gemachten Gesichtern) genau wie bereits am Sonntag, Montag und der Rest dieser Woche übers Internet zugänglich.
Erst nach erneuten Hinweis durch uns am Donnerstagabend, wurden die Seiten Freitagmorgen dann endlich entfernt.
Es genügt nicht, einfach einen Link wegzunehmen. Der Directory muss umbenannt werden oder die Datei komplett entfernt.
06.03.2002
II Nachtrag zum "Offenen Brief" - Grenz-Echo 06.03.2002, S. 7
Wenn die Affäre nicht bis zur Regierung und zum Ministerium
durchgedrungen ist (G-E 06.03.2002, S. 7), wieso war sie dann der
Anlass dafür, dass die Eltern ein Rundschreiben
erhielten, mit dem die Erlaubnis für die Veröffentlichung von Bildern
und Texten ihrer Kinder eingeholt werden sollte? Auf mein Befragen
hin bestätigte mir der Hauptlehrer auf dem Elternabend am
25.02.2002, dass dieses Rundschreiben auf Grund der letztjährigen
Erfahrungen an einer anderen Schule erfolgt sei.
Das Wichtigste ist aber, dass der offene Brief seinen Zweck erreicht hat:
Es tut sich etwas zum Wohl und Schutz der Kinder und das Thema kann
nicht (wieder?) in der Schublade verschwinden, da Öffentlichkeit
hergestellt wurde. Wenn jetzt
noch konkrete und korrekte Anweisungen für die Lehrer folgen, denen
auch Folge geleistet wird, dann hat es sich gelohnt.
(Und mit all dem negativen Stress werden wir dann auch noch fertig ;-))
Hubert Savelberg