
Brüssel. - Viele ausländische Zeitungen haben am Montag morgen ihren Leitartikel dem »Weißen Marsch« in Brüssel gewidmet.
Nachstehend veröffentlichen wir Auszüge aus einigen Kommentaren.
Die »Basler Zeitung« (Schweiz): Belgien ist auch darin ein Beispiel, daß sich die Wut in einem erstaunlichen Maß mit Zurückhaltung paart. Man will jetzt nicht selber in Willkür und Extremismus verfallen. Die Belgier bringen es fertig, noch immer auf die Regenerationskraft der Demokratie zu hoffen. Und darauf, daß die Reform von Staat, Gesellschaft, Justiz und Politik von eben jenen Politikern ins Werk gesetzt wird, welche ihren Vertrauensvorschuß fast bis zur Neige aufgebraucht haben.
»Corriere della Sera« (Italien): Alles lief in Ruhe, mit Würde, Nachdenklichkeit. Keine Festnahmen, keine Rempeleien, höchstens eine Ohnmacht in der dichten Menge. Die Ordnung, mit der die größte Demonstration, die Belgien je gesehen hat, über die Bühne ging, ist der größte Sieg der Veranstalter. Hier sollte keine Partei gegründet, nicht einmal eine Bewegung ins Leben gerufen werden. Hier wird an die toten Kinder erinnert und Gerechtigkeit gefordert.
»La Stampa« (Italien): Das hat man noch nie gesehen. Über Kilometer und Kilometer bewegen sie sich durch die Straßen Brüssels: die Leute. Das ist keine soziale Klasse, kein politisches Bündnis, das sind nicht nur diejenigen, die auf der einen Seite des Flusses geboren sind. Hier sind die Leute, wie sie so oft von Politikern und Meinungsforschern, von Marketingexperten und Fernsehmoderatoren beschworen werden. Hier sind sie wirklich, mit ihren Alltagsgesichtern, den Kinderwagen, mit Würde und der Ruhe derer, die wissen, das sie recht haben. ... 300 000 Menschen in einem Land mit zehn Millionen Einwohnern sind gekommen, um ihren Institutionen das Vertrauen zu entziehen. Dieses starke Schweigen wird noch Tage durch die Straßen Brüssels und durch die Korridore der Macht hallen.
Libération (Frankreich): Die Justiz kann als Mittel gegen den Bankrott eines verknöcherten politischen Systems dienen, wie Italien gezeigt hat. In Belgien ist dieser Weg durch aufgestautes Mißtrauen offensichtlich verstellt. Das könnte sicherlich als Syndrom der »totgeschwiegenen Affären« bezeichnet werden. In dieser Hinsicht muß die Bedeutung der belgischen Besonderheiten bei der »weißen Revolte« relativiert werden. Die gleiche Malaise geistert nämlich mehr oder minder stark und in unterschiedlicher Form so ziemlich in allen alten Demokratien umher. Weit entfernt, immer die Unschuld des »Weißen Marsches« zu haben, nährt es hier Wahlmüdigkeit und dort den Populismus.
»De Volkskrant« (Niederlande): Der Charakter des sonntäglichen Weißen Marsches war würdig, und die Versuche des Premiers, eine versöhnende Rolle zu spielen, machen einen ernsthaften Eindruck. Hoffentlich wird der Weiße Marsch als psychologische Läuterung fungieren, die die erregten Gemüter beruhigt und es ermöglicht, das Funktionieren des Justizapparates - wo nötig - zu verbessern.
Die »Badische Zeitung« (Deutschland): In den vergangenen Monaten ist so viel Unrat ans Licht gekommen, daß es selbst ganz und gar unpolitischen Belgiern graust. Immer mehr Menschen zwischen Nordsee und Ardennen spüren, daß etwas faul ist in ihrem Staate, der als Schaltzentrale der europäischen Einigung dient und der gleichzeitig innerlich zerbröckelt. Flamen und Wallonen finden nur noch gelegentlich eine gemeinsame Sprache. Das war so beim Tode des hochgeachteten Königs Baudouin. Und das ist auch jetzt wieder so, angesichts eines Skandals, der auch die weitesten Toleranzgrenzen sprengt. Da ist eine Reform an Haupt und Gliedern fällig. Hunderttausende haben an diesem Sonntag in Brüssel klargestellt, daß sie der moralischen Verrottung ihres Staats nicht mehr länger zuschauen, sondern einen Reinigungsprozeß wollen. Ohne Rachegeschrei, mit Trauer im Herzen.
Der »Tagesanzeiger« (Schweiz): Die Manifestation vom Sonntag war ein klares Signal an die Politik, daß die Belgier und Belgierinnen diese Mißstände nicht länger ertragen wollen. Das Volk hat sich eindrucksvoll hinter die Forderung der Eltern gestellt, alle Verantwortlichen müßten endlich zur Rechenschaft gezogen werden. In Belgien ist man nicht mehr bereit, sich mit wohlklingenden Politikerphrasen abspeisen zu lassen. Das Zeichen der Kundgebung von Brüssel geht aber auch über Belgien hinaus: Die Menschen in der ungekürten Hauptstadt Europas haben für mehr Herz in der Politik demonstriert. Diese Forderung dürfte in ganz Europa auf Widerhall stoßen.
Der »General-Anzeiger« (Deutschland): Wehe dem belgischen Politiker, Richter oder Polizeipräsidenten, der glauben sollte, nach dieser Bürgerdemonstration gestern in Brüssel werde gewiß schon bald wieder der normale Alltag im Lande einkehren. Mit ihrem »Weißen Marsch« haben die Menschen unübersehbar klargemacht, daß sie die Nase gestrichen voll haben von den Mauscheleien, der Laxheit und den Verfilzungen, die den Staat und seine Institutionen seit langem prägen. was die Brüsseler Demonstration so eindrucksvoll machte, ist nicht einmal die unerwartet hohe Zahl der Teilnehmer, sondern vielmehr die Art ihres Verlaufs. Es war die Stille von mehr als 200 000 Menschen, die der Manifestation ihre tiefe Würde verlieh. Hier sind Bürgerzorn und Bürgerwille auf eine Weise ausgedrückt worden, die es niemandem erlaubt, sich den grundsätzlichen Veränderungen und dem moralischen Wandel zu widersetzen, die mittlerweile auch der König für unerläßlich hält.
| © 22.10.1996 Grenz-Echo | ![]() |
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